Hausboot Tag 2 – die verlorenen Finger

Heute wollten wir eigentlich so aufstehen, daß wir um 8 beim nahen Supermarkt gewesen wären. Dann hätten wir pünktlich um 9 die Schleuse nehmen können und gleich flott weiterfahren. Guter Plan, aber um 8:30 sind wir durch ein störendes Handy munter geworden. So wird das wohl nix. Also ins Gewand gehüpft und ab ans Steuer. So konnten wir tatsächlich die Schleuse um Punkt 9 schaffen, nur hat uns der Einkauf gefehlt. Und anders wäre es genaugenommen eh nicht gegangen, denn es hat die gesamte Nacht durchgeschüttet und das bis um 8. Im Regen wären wir wohl nicht einkaufen gefahren.

Also nach der Schleuse direkt im Dorf angelegt, die Roller ausgeladen und mal schnell zum Supermarkt gerollert. Zu Fuß wäre das schon blöd lange gewesen, mit dem Roller waren es gute 5 Minuten. Der Supermarkt war in der Größenordnung eines Eurospars und hatte absolut alles was wir gebraucht haben. Die Dinge, die wir im riesigen Carrefour völlig vergessen haben, aber die man braucht: Klopapier, Müllsäcke, Gewürze, … und natürlich ein frisches Baguette.

Genauso schnell wieder zurück am Boot ging es sofort los, meine liebe Astrid hat mir mein Frühstück an Deck beim Fahren serviert: Pate mit Baguette und Tropicana Clementinensaft. Mehr Luxus gibt es einfach nicht.

Heute sollte das Wetter ja vorwiegend naß sein. aber seit dem Regenstopp um 8 blieb es eigentlich trocken. Am Nachmittag kam sogar immer mehr die Sonne raus. Wir fuhren daher brav vor uns hin und waren sehr erstaunt völlig alleine am Kanal zu sein. Aber wir werden uns sicher nicht beschweren, einen Privatkanal kann man immer brauchen. Auffällig sind die Schleusenwedel. Nahezu jede Schleuse hat zumindest einen Hund, der den Schleusvorgang hoheitsvoll überwacht (oder versucht Vögel zu fangen).

Der Kanalbietet nicht nur mit den Schleusen Abwechslung, es gibt auch Brücken, die es zu meistern gilt und hie und da findet sich so ein Überlauf.

Zu Mittag blieben wir wieder vor einer Schleuse hängen, denn wenn es auch nur geringe Chancen gibt, daß man die Schleuse nicht um Punkt 12 verlassen könnte, dann läßt einen der Schleusenwärter nicht rein. Wir haben die Mittagspause zu einem kleinen Ausflug in ein nahes Dorf genutzt. Mit den Rollern waren wir in 10 Minuten dort. Das Dorf war jetzt nicht der Megarenner, ein kleiner Supermarkt der Adeg-Klasse und eine kleine Kirche. Wir haben eine Runde mit dem Roller gedreht und sind wieder zum Boot gedüst. Dort noch schnell für kleine Tiger gehen und schon geht das Schleusen weiter.

Inzwischen hatten sich jedoch (wir raten mal) Schweizer zu uns gesellt und wir waren nicht mehr alleine beim Schleusen. Da es eine Doppelschleuse war, konnten wir an der ersten Kammer schon sehen, daß den Schweizern scheinbar das Bootsfahren nicht in die Wiege gelegt wird, denn wie schon unser letztes Hausbooterlebnis mit Schweizern gezeigt hat, man kann mit so einem Boot auch Autodrom fahren (im Englischen geht das noch besser mit Bumper-Boats). Sie haben dann mit einem Krach die erste Kammer geschafft, der Vater der Familie hat schon beim Reinfahren immer gedeutet, die Fahrerin soll langsamer fahren. Auf zur zweiten Kammer. Wir sind flott rübergehüpft und haben festgemacht, da düst das schweizer Boot hinterher.

Die folgenden Dinge hat Astrid live gesehen, ich war noch mit meinem Seil beschäftigt. Die guten Leute düsen wieder flott hinten rein, der hintere Seilmann wirft auf den hinteren Poller, sein Seil verfängt sich an der Schleusenwand und der immer noch als Bodenpersonal arbeitende Vater versucht das Seil schnell loszumachen. Da ist das Boot aber schon flott weitergedüst und das Seil ging voll auf Spannung. Und nun der nicht so gute Teil. Was passiert, wenn man die Finger zwischen unnachgiebigem Stahl und einem Seil hat, wo 10 Tonnen oder mehr dran hängen? Richtig, die Finger geben auf. Der kleine Finger hat ein oder zwei Glieder verloren (die sind im Kanal verschwunden), bei Ring und Mittelfinder fehlt zumindest die Fingerspitze oder das ganze erste Glied.

Der Mann rannte blutüberströmt durch die Gegend, bis ihn der Schleusenwärter einfing, die Familie kreischte durcheinander, als hätte es jeden einzelnen erwischt. Der Rettungsplan ging ziemlich in die Hose, wir waren im Boot in der leeren Schleuse gefangen und konnten quasi nur zuschauen. Leute am schweizer Boot kreischten oder einer ging selbst mit Kreislaufproblemen zu Boden, der Schleusenwärter telephonierte mit der Rettung und er versuchte die Anweisungen der Rettungsstelle gleichzeitig auszuführen.

Irgendwann kam ein anderer Schleusenwärter, schleuste uns rauf und so konnte auch jemand vom schweizer Boot zu ihrem Vater rennen und helfen. Wir wurden aus der Schleuse rausgewunken. Auf dem Weg zur nächsten Schleuse sahen wir dann ein Rettungsauto dahinziehen…

Ohne schweizer Anhang ging es flott voran und die Sonne kam immer mehr aus den Wolken hervor. Ohne dem Fingerevent, wäre es eigentlich ein ur schöner Tag gewesen.

Ein Schleusenwärter hat uns erzählt, es wäre so wenig los, das wir das erste Boot des Tages gewesen wären. Es macht also Sinn, wenn sie versuchen den Kanal wieder aufzuwerten, damit die Besucherströme steigen (wenn z.B. auch nicht wieder Corona ist und alle Deutschen absagen).

Sie pflanzen wieder Unmengen an Bäumen an den Wegesrand.Einerseits fährt es sich besser im Boot, andererseits versuchen sie den Treppelpfad als Radweg zu vermarkten.

Durch das flotte Vorankommen kamen wir heute sogar bis Carcassonne und werden in der Stadt übernachten. Das kleine Gewitter, daß uns kurz nach dem Ankommen erwischt hat, war nicht so schlimm, wir haben in der Zeit Abendessen gekocht und genossen. Die letzten Schleusen haben wir aber bei Sonne genommen.

Da die Festung schon zu hatte, gingen sich an dem Tag nur mehr Außenaufnahmen aus. Vom Park am Weg zur Festung als auch von der Festung selbst.

Die Festung war dann für den nächsten Tag geplant.

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